In der Warteschleife
Kinderhände am Klavier sind für Elternherzen Zier,
und so erntet holde Gunst, wer sich rüstet für die Kunst
(ach, man kennt die Überspannten Hauskonzerte vor Verwandten).
Aber wenn das Kind erkennt,
dass es seinem Kunsttalent
ernsthaft sich verpflichten muss,
wird Vergnügen zum Verdruss:
denn es übt ganz unerträglich
stundenlang und das noch täglich.
Tonleitern, Etüden, Skalen
sind nicht nur für Finger Qualen:
auch das Ohr ist schnell empört,
wenn es stets dasselbe hört.
Praxis schadet Idealen..
Was bald die Gemüter stört.
Papa findet Kunst nicht nützlich.
Laut und häufig spricht er ernst:
Jedes Handwerk unterstütz ich, wo du was Solides lernst.
Folge meinem weisen Plan, und geh zu der Eisenbahn!"
Mutter schützt den Sprössling zwar, doch sie ist den Tränen nah.
Wie er traumverloren wandelt, durch sein langes Haar verschandelt,
tuscheln schon die Nachbarn gar: "Guck mal, der von denen da."
Nur in kleinen Schulkonzerten weiß man seine Kunst zu werten,
und als dann mit Komplimenten kompetente Kunstagenten
hieven ihn ins Rampenlicht, keimt im Vater Zuversicht.
Bald kriegt er die besten Meister, und zu Wettbewerben reist er, wo er manchen Preis gewinnt.
Und weil selbst die Nachbarschaft ehrfurchtsvoll herübergafft, segnet man das Wunderkind.
Bis die Pubertät beginnt.
Wo er nicht mal mehr mit Liszt klassisch zu begeistern ist,
lassen Beethoven und Bach leider auch an Wirkung nach.
Und weil er nicht mehr so streng Czerny übt sowie Chopin,
klingt in schnöder Häufigkeit öder die Geläufigkeit.
Welcher Sohn will Kluges hören, wenn die Frauen ihn betören..!
Bald verschenkt er seine Gaben in Piano-Bars. Zum Schmusen.
Und so öffnen sich dem Knaben dort, wo Musen, die ihn laben,
statt der Ohren Busen haben, keine Türen, sondern Blusen.
Künstlerisch droht der Infarkt, was nur er sich nicht verargt.
Und der einst so Kunstbewährte spielt nie mehr Klavierkonzerte.
Praxis schadet Idealen, wenn am Ruhm der Zweifel nagt.
Oft noch wird's ihm so ergehen, dass er flieht, wenn man ihn kürt.
Denn er will nur dort bestehen, wo er sieht, wohin das fährt.
und er kann nur Werte schaffen, die er in sich selber spürt.
Solche die ihn dafür richten, kennen seine Kunst mitnichten.
Die ihn leiden können, warten. Lange braucht es, eh sich lichten
seltner Gaben Eigenarten...
von Armin Fischer